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“Hinter die Fichte”

Gerade noch rechtzeitig in weihnachtlicher Nähe erfreute mich gestern Abend Dietmar Bartsch von den Linken in einem Fernsehinterview mit der Beobachtung, dass Finanzminister Christian Lindner die Öffentlichkeit “hinter die Fichte führe”.

Super, danke, den Spruch hatte ich schon einmal irgendwo aufgeschnappt, aber dann wieder verdrängt. Ich könnte mich an der Fichte aufspulen. Ich glaub, ich steh im Wald …

Wobei es mir – logisch – weniger um das vermutete Fehlverhalten von Herrn Lindner, noch um irgendeinen konkreten Weihnachtsbaum, sondern darum geht, wo die Floskel herstammt, was sie effektiv meint, und wie man sie allen Ernstes in den Politikermund nehmen kann. Denn Bartsch gebärdete sich, als sei ihm die Fichte quasi und gewissermaßen in Fleisch und Blut übergegangen. Standard sozusagen. Fichten scheinen im Hause Bartsch irgendwie gang und gäbe.

Dem dürfte allgemein und in echt noch nicht so sein. Zwar findet sich die fragliche Tanne laut Internet schon in Zitaten aus dem Mittelalter. Die Floskel ist allerdings weiterhin wenig gebräuchlich. Und ich entwickle einmal kurz selbst, was ich von ihr halte. Meine ehemalige Deutschlehrerin, Frau Dr. Zimmer, wäre mit einigen Jahrzehnten Verspätung vermutlich absolut begeistert von mir.

Wobei ich das Ganze dergestalt eindampfe, dass es mir egal scheint, ob man jemanden hinter die Fichte, hinters Licht oder in die Irre führt, man linkt ihn in jedem Fall. Die Fichte klingt dabei sehr viel lieblicher und skurriler als Licht und Irre. Sie erinnert an die Bazooka und den Wumms von unserem neuen Kanzler und ist insofern meines Erachtens Ausdruck dafür, dass sich der Wortführer kreativ und volkstümlich geben will.

In meiner Eigenschaft als langjähriger Sprachforscher und angesichts der vielen farblosen Gesichter in der aktuellen Politikergeneration kann ich eine konsequente Bereicherung ihres Sprachschatzes zur Erhöhung von Aufmerksamkeits- und Unterhaltungswert ihrer Ansprache nur begrüßen. Wobei ich die einschlägigen Gehversuche vom O.S. noch recht schamhaft und ängstlich empfand, während Bartsch durchaus weltmännisch und ausgereift auf der rhetorischen Klaviatur klimpert.

In beiden Fällen aber: Weiter so!!!

(Foto adobestock 295087926 besjunior)

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