Prozentrechnung
Liebe Leser und Innen meines Blogs,
ich beschäftige mich derzeit ausdauernd mit der anspruchsvollen Frage, warum wir, das Wahlvolk, ohne Bedenken, Reue und Lerneffekt alle Jahre wieder Parteien wählen, die anschließend keine vernünftige Politik zustande bringen, und warum der Chefredakteur meiner Wirtschaftszeitschrift allwöchentlich Leitartikel ohne scheinbaren Sinn und Fuß schreibt. Reisserische Kritik an unserer Bundesregierung nämlich.
Die offensichtliche Gemeinsamkeit sehe ich auf ersten Blick darin, dass Wähler wohl nicht ohne Köpfchen, aber überwiegend aus Protest, Frust oder reiner Gewohnheit handeln. Und Journalisten schreiben nicht ohne Verstand, sondern folgen den gnadenlosen Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie. Beides teuflisch und Problem unserer Demokratie.
Der Chefredakteur bedient seine Leser; das ist gerade noch nachvollziehbar. Und der Wähler seine Gefühle; da komme ich nur noch schwer mit. Gestatten Sie mir einfacher Seele einmal zu vertiefen, wo ich die Zusammenhänge sehe, bei denen mir der Kaffee hochkommt.
Dazu ein paar Prozentzahlen, wie sie uns regelmäßig in Wahlprognosen, Sonntagsfragen, Politikbarometern usw. unter die Nase gerieben werden. Nehmen wir mal das Beispiel unserer anstehenden Berliner Wahl:
Da freuen sich derzeit offenbar mindestens 5 Parteien darauf, beim Wahlgang im September mehr als 10% der Wählerstimmen einzuheimsen.15 weitere Stimmenprozente werden auf irrelevante „Splitterparteien“ (ja, das sind sie nun mal) entfallen. Mindestens 20% der Wähler werden die Wahlurne gar nicht erst ansteuern. Dann haben wir da die sogenannte „Brandmauer“. Koalitionen unter 3 Beteiligten sind imgrunde schon ausgeschlossen. Und nach Adam Riese werden wieder an die 100% der Bürger mit dem Wahlergebnis unzufrieden sein.
Nehmen wir jetzt noch meinen Chefredakteur, dann wird der wieder lauthals über die Politiker meckern, weil sie eine schlechte Regierungsarbeit ableisten. Wann wachen wir eigentlich auf???
Politiker sind auch nur Menschen, die Tennis spielen und einen Kinderwunsch haben wollen. Schuld an der Misere sind nicht in erster Linie sie, sondern das Wahlvolk, das erkennbar unsinnig abstimmt. Und unsere Presse, die vor lauter kommerziellen Erwägungen nicht aufklärt, sondern das Problem unserer Demokratie verschärft.
Ich werde einen Teufel tun, an dieser Stelle mein Wahlverhalten offenzulegen. Aber eine Kleinstpartei werde ich nicht wählen, Stimmenthaltung ist ein NoGo für mich, ebenso jede Partei, die erfahrungsgemäß keine Chance auf Beteiligung an einer erträglichen Koalition und Regierungsbeteiligung hat.
Dabei kommt mir zupass, dass ich ein von Natur aus friedfertiger Mensch bin. Protest, Frust und liebe Gewohnheiten nehme ich nicht mit in die Wahlkabine.

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